Verrückt nach Ilten

Für die vielzählig ausgestellte Serie Verrückt nach Ilten fotografierte Giesel Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitende des psychiatrisches und psychotherapeutisches Klinikums Wahrendorff in Sehnde im Ortsteil Ilten. Der Titel Verrückt nach Ilten lässt zwei Deutungsmöglichkeiten zu: Zum einen, dass jemand aufgrund einer psychischen Krankheit in das Klinikum Wahrendorff nach Ilten gelange – oder der Ausdruck einer sehnlichen Vorliebe, sprich das Verrücktsein nach einer Person, einem Gegenstand oder einem Ort wie Ilten. Giesel bricht bewusst das oft negativ konnotierte Wort ‚verrückt´ auf. Im Jahr 1990 erlitt er selbst eine Aneurysmaruptur im Gehirn und verlor infolgedessen große Teile des Kurzzeitgedächtnisses. Bei seinen Fotografien war Giesel eine Begegnung auf Augenhöhe sehr wichtig: „Ich habe alle Fotografierte wissen lassen, dass ich vorurteilslos auf ihrer Seite bin und sie respektiere“ (Giesel, Holtz, Klinikum Wahrendorff 2003, o. S.).

Die 65 Porträts sind auf dem Gelände des Klinikums entstanden, teilweise in den Zimmern der Patientinnen und Patienten, aber auch in Werkräumen, der Mensa oder dem Außenbereich. „Ich bat sie, direkt zu mir in die Kamera zu schauen. Denn einem ‚direkten Blick‘ kann auch dann der Betrachter des Fotos nicht ausweichen“ (Giesel, Holtz, Klinikum Wahrendorff 2003, o. S.). Nach dem Fototermin schenkte Giesel den Abgelichteten stets ihr eigenes Porträt. Giesel und die Journalistin Eva Holtz, mit der er das Konzept für das Buch entwarf, ließen den Portraitierten Zeit, etwas zu dem Foto niederzuschreiben und baten sie um eine Unterschrift. Im Fotobuch sind die Namen und das Alter sowie die Zitate und Unterschriften unterhalb der Bilder gedruckt und ermöglichen so einen noch stärkeren Eindruck von der abgebildeten Person. Nirgends jedoch ist in dem Buch vermerkt, bei welcher Person es sich um Patientin oder Patient, Mitarbeiterin oder Mitarbeiter oder ein Mitglied der Klinikums Leitung handelt. So wird hier ein inklusiver Gedanken verfolgt: ob Bewohnerin oder Pfleger – in der Art der Darstellung werden die Menschen nicht unterschieden. Giesels Absicht war es, dass die Betrachterinnen und Betrachter die Erfahrung machen, dass „Verrückte“ weder durch ihr Äußeres zu erkennen, zu verallgemeinern noch ihre Menschlichkeit abgesprochen werden darf.

„In unserer Gesellschaft, in der jeder vor allem nach seiner Stellung im ökonomischen Gefüge definiert wird, sind alle benachteiligt, die außerhalb stehen. […] Mit diesem Bildband, durch die Konfrontation zwischen Porträtierten und Betrachtern, möchte ich dazu beitragen, Vorurteile in Einsichten zu verwandeln“ (Giesel, Holtz, Klinikum Wahrendorff 2003, o. S.).

RLG

2005 Hannover, Theatermuseum: Verrückt nach Ilten

2006 Lehrte, Städtische Galerie: Verrückt nach Ilten

Giesel, Joachim; Holtz, Eva; Klinikum Wahrendorff (Hg.) (2003): Verrückt nach Ilten. Klinikum Wahrendorff. Sehnde: Wara-Psychiatrie-Verlag.

o.A. (2005): „Wenn ein Foto schwingt, wenn es singt…“. Szene Portrait: Joachim Giesel. In: Foto Spiegel (117), S. 7–12.

Thies, Heinrich (2005): Normal ist das nicht. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 18.06.2005 (der 7. tag (Wochenendausgabe)), o.S. (S. 1-3).