Moskau

Joachim Giesel, Gestürzte Stalin-Büste, Moskau, 30. September 1991.

Als Anfang der 1990er im Zuge von Glasnost und Perestroika der Niedergang des ost(mittel)europäischen Staatssozialismus einsetzt, findet dieser mit dem Ikonoklasmus zahlreicher Statuen der ehemaligen Ideologen und Potentaten seinen symbolischen Ausdruck. Ein Sinnbild dafür liefert uns die Photographie, die Giesel am 30. September 1991 im provisorischen „Park der gefallenen Monumente“ aufnimmt: Achtlos auf dem Boden abgestellt, seines Sockels und ursprünglichen spatial framing beraubt, hat eine Bronzebüste Stalins ihre omnipräsente Erscheinung und Beherrschung des öffentlichen Raums verloren. Während Kalinin gleichsam unbeteiligt in seinem Sessel sitzt und Sverdlov achtlos vorbeizulaufen scheint, ist der einst „Stählerne“ in die Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Nicht mehr auf Augenhöhe mit dem Betrachter, geht sein Blick rechts aus dem Bild, wo ein alter ego in Granit mit abgeschlagener Nase liegt: das umgestürzte Modell der Kolossalstatue, die Sergei Merkurow für die Weltausstellung 1939 in New York geschaffen hat und die am Moskau-Wolga-Kanal aufgestellt war. Seit 1996 steht das Modell im Muzeon Art Park vor einer Installation Evgeny Chubarovs, die an die Opfer des stalinistischen Terrors erinnert. In dem Park werden seit 1992 über 1.000 gestürzte Objekte der einstigen statue mania ausgestellt. Entstehen nach 1989/90 in anderen ost(mittel)europäischen Staaten ähnliche Erinnerungsorte, wird in Ostdeutschland nie ein „Kommunistenfriedhof“ angelegt.

Martin Schieder